DIE GESCHICHTE, DIE ALLE GLAUBTEN
Danielle erinnerte sich später nicht daran, wann genau sie aufgehört hatte, neben Marcus zu stehen.
Sie wusste nur, dass sie irgendwann auf der anderen Seite des Bettes war.
Bei ihrer Mutter.
Marcus redete.
Mit der Ärztin.
Mit der Stationsleitung.
Mit einem Sicherheitsmitarbeiter, der nach wenigen Minuten in der Tür erschien.
Er erklärte, dass Eleanor seit einiger Zeit zunehmend paranoid sei.
Dass sie Dinge versteckte.
Dass sie Menschen beschuldigte.
Dass sie vor drei Wochen sogar behauptet habe, jemand würde nachts in ihrem Haus Schubladen öffnen.
„Das hat sie wirklich gesagt“, murmelte Danielle.
Marcus sah zu ihr.
Erleichterung erschien für einen Moment in seinem Gesicht.
„Genau.“
Danielle spürte Eleanors Finger um ihre Hand.
Kalt.
Dünn.
„Und?“, fragte Danielle.
Marcus runzelte die Stirn.
„Was meinst du?“
„Was beweist das?“
„Dass das hier komplizierter ist.“
Die Ärztin legte den Kunststoffstreifen in eine sterile Schale.
„Der Gegenstand lag unter mehreren Schichten der Polsterung.“
Marcus sah sie an.
„Was heißt das?“
„Dass er nicht heute Morgen zufällig dort hineingerutscht ist.“
„Aber wann?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“
„Also wissen wir gar nichts.“
Evan lehnte noch immer an der Wand.
„Wir wissen, dass Frau Vale recht hatte.“
Marcus' Kopf drehte sich zu ihm.
„Wir wissen, dass etwas im Gips war.“
„Das ist genau das, was sie gesagt hat.“
„Das heißt nicht, dass ich es dort hineingetan habe.“
„Das habe ich nicht behauptet.“
„Doch. Seit Sie dieses Zimmer betreten haben.“
Evan antwortete nicht sofort.
Dann:
„Interessant, dass Sie das so hören.“
Danielle schloss die Augen.
„Hört auf.“
Beide Männer verstummten.
Eleanor drückte ihre Hand.
„Dani.“
Danielle sah zu ihr.
Ihre Mutter hatte sie seit Jahren nicht mehr Dani genannt.
Nicht seit Danis Vater gestorben war.
„Ich möchte nach Hause“, sagte Eleanor.
Die Ärztin schüttelte den Kopf.
„Heute nicht.“
„Bitte.“
„Die Haut unter dem Gips ist entzündet. Wir müssen das reinigen und beobachten. Und ich möchte wissen, ob Sie Fieber entwickeln.“
Eleanor nickte.
Danielle beugte sich zu ihr.
„Ich bleibe.“
„Nein.“
„Natürlich bleibe ich.“
„Nicht hier.“
Eleanor blickte zu Marcus.
„Bei mir zu Hause.“
Marcus wurde sofort aufmerksam.
„Eleanor, wir sollten heute keine—“
„Du redest nicht für mich.“
Danielle hielt den Atem an.
Marcus' Gesicht blieb ruhig.
„Das wollte ich auch nicht.“
„Doch.“
Eleanor sah zu ihrer Tochter.
„In meinem Schlafzimmer. Unter der Kommode. Ganz hinten ist eine kleine Holzschachtel.“
Marcus lachte kurz.
Zu kurz.
„Jetzt fängt das wieder an.“
Danielle fuhr herum.
„Was?“
„Sie hat in den letzten Wochen überall Sachen versteckt.“
Eleanor ignorierte ihn.
„Hol sie.“
„Was ist drin?“
„Ich weiß es nicht mehr genau.“
Das Schweigen danach tat weh.
Danielle sah Marcus an.
Er sagte nichts.
Aber Eleanor merkte sofort, was passiert war.
Ein einziger unsicherer Satz.
Und schon war er wieder da.
Der Zweifel.
Sie ließ Danielles Hand los.
„Siehst du?“
Danielle wurde blass.
„Mama.“
„Sobald ich etwas nicht sofort weiß, gewinnt er.“
„So ist es nicht.“
„Dann geh.“
Danielle stand auf.
Marcus ebenfalls.
„Ich komme mit.“
„Nein“, sagte Danielle.
„Dani.“
„Ich fahre allein.“
Er sah sie an, als hätte sie eine Regel gebrochen, über deren Existenz nur die beiden informiert gewesen waren.
„Warum?“
Danielle konnte es nicht erklären.
Vielleicht weil sie die Schale mit dem blutigen Kunststoff gesehen hatte.
Vielleicht weil ihre Mutter sechs Wochen lang behauptet hatte, dass Dinge im Haus nicht mehr dort lagen, wo sie sie hingelegt hatte.
Vielleicht weil Marcus jedes Mal eine vernünftige Erklärung gehabt hatte.
So viele vernünftige Erklärungen.
Der Schlüssel war im Bad, weil Eleanor ihn dort vergessen hatte.
Die Rechnung lag im Papierkorb, weil Eleanor sie weggeworfen hatte.
Der Brief vom Notar war verschwunden, weil Eleanor ihn vermutlich irgendwo abgelegt hatte.
Das Geld auf dem Gemeinschaftskonto war bewegt worden, weil eine automatische Zahlung gelaufen war.
Der Termin beim Neurologen war auf einen Morgen gelegt worden, an dem Eleanor kaum die Augen offenhalten konnte, weil sie die Nacht davor schlecht geschlafen hatte.
Jedes einzelne Ereignis war erklärbar gewesen.
Erst gemeinsam ergaben sie etwas anderes.
„Weil ich meine Mutter gerade nicht allein lassen kann“, sagte Danielle.
„Ich fahre doch mit dir.“
„Nein.“
Zum ersten Mal seit zwölf Jahren Ehe hörte sie sich das Wort zu Marcus sagen und merkte, wie ungewohnt es sich im Mund anfühlte.
Nicht falsch.
Nur ungewohnt.
Er sah sie lange an.
Dann lächelte er.
„Natürlich.“
Er küsste sie auf die Stirn.
„Ruf mich an.“
Danielle fuhr fünfundzwanzig Minuten später zum Haus ihrer Mutter.
Sie kannte jeden Raum.
Und trotzdem fühlte es sich an, als beträte sie ihn zum ersten Mal.