WAS DIANE GLAUBTE, VERDIENT ZU HABEN

Diane kam zwölf Minuten zu früh.
Natürlich.
Sie trug ein cremefarbenes Jackett, dunkle Hose, keinen Schmuck außer ihrer Uhr.
Es sah aus, als wolle sie zu einer Vorstandssitzung.
Nicht zu ihrer Tochter.
Elena saß am Esstisch.
Daniel neben ihr.
Das Metallgerät lag zwischen zwei Aktenordnern.
Diane blieb stehen, als sie es sah.
„Du hast es geöffnet.“
Keine Frage.
Elena zeigte auf den freien Stuhl.
„Setz dich.“
„Ich rede nicht vor ihm.“
Daniel sagte nichts.
„Doch“, antwortete Elena. „Heute schon.“
Diane setzte sich.
Sie sah nicht zu Daniel.
„Leo?“
Elena brauchte einen Moment, bevor sie antwortete.
„Ihm geht's gut.“
„Gut.“
„Ist das alles?“
Diane presste die Lippen zusammen.
„Was soll ich sagen?“
„Vielleicht, dass es dir leidtut.“
„Ich wollte nicht, dass er sich verletzt.“
„Du wolltest ihn nur mit dem Fuß wegschieben.“
„Elena.“
„Nein.“
Ihre Mutter schwieg.
Elena legte die Hand auf die Trust-Unterlagen.
„Welche Fassung ist echt?“
Diane sah auf das Papier.
„Du weißt es offenbar.“
„Ich möchte, dass du es sagst.“
„Dein Vater hat seine Meinung ständig geändert.“
„Welche ist echt?“
Diane blickte zu Daniel.
„Das ist lächerlich.“
Elena wartete.
Nach einigen Sekunden sagte Diane:
„Die vom Mai.“
„Also gehört dir das Haus nicht.“
Diane lachte kurz.
„Ich habe dreißig Jahre mit deinem Vater verbracht.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
„Ich habe für ihn Empfänge organisiert. Ich bin mit ihm umgezogen. Ich habe mein eigenes Leben seinen Plänen angepasst.“
„Und deshalb gehört dir das Haus?“
„Deshalb hätte es mir gehören sollen.“
Da war es.
Nicht Verwirrung.
Nicht Missverständnis.
Anspruch.
„Also hast du die Seite ersetzt.“
Diane sah sie an.
„Ich habe nichts gefälscht.“
Daniel sprach zum ersten Mal.
„Die Bank erhielt eine Fassung, die nicht mit dem authentifizierten Original übereinstimmt.“
„Dann fragen Sie die Bank, woher sie kam.“
„Sie kam von Ihnen.“
Diane wandte sich wieder Elena zu.
„Dein Vater wollte mich kleinhalten.“
Elena dachte an die Aufnahme.
Dann solltest du dafür sorgen, dass sie keinen Grund dazu hat.
„Und Adrian?“
Dianes Gesicht veränderte sich.
Nur ein wenig.
Elena bemerkte es trotzdem.
„Was ist mit ihm?“
„Wann hast du erfahren, dass er nach dem Gerät gesucht hat?“
„Ich wusste überhaupt nicht—“
„Nicht lügen.“
Diane schwieg.
„Bitte“, sagte Elena. „Nicht noch einmal.“
Zum ersten Mal an diesem Morgen wirkte ihre Mutter alt.
Nicht schwach.
Nur müde.
„Er hat mich gefragt.“
„Wann?“
„Eine Woche vor eurem Unfall.“
Elena spürte ihre Hände kalt werden.
Daniel beugte sich leicht vor.
„Was genau?“
„Ob Robert das Archivmodul wirklich zerstört hatte.“
„Was hast du gesagt?“
„Ja.“
„Und dann?“
Diane sah Elena an.
„Er sagte, er glaube mir nicht.“
Natürlich.
Das war Adrian.
Nicht laut.
Nicht bedrohlich.
Einfach unerträglich schwer zu täuschen, sobald er beschlossen hatte, etwas zu verstehen.
„Habt ihr gestritten?“
„Nein.“
„Hast du ihn bedroht?“
„Nein.“
„Hattest du irgendetwas mit dem Unfall zu tun?“
Diane wurde vollkommen still.
Dann stand sie auf.
„Wie kannst du mich das fragen?“
Elena zuckte nicht.
„Weil mein Mann tot ist und ich gerade erfahre, dass er wenige Tage vorher herausgefunden hat, dass meine Mutter seit Jahren Dokumente manipuliert.“
„Ich habe deinen Mann nicht getötet.“
„Setz dich.“
„Nein.“
„Setz dich.“
Diane sah sie an.
Dann tat sie es.
Daniel sagte ruhig:
„Die Polizei hat den Unfall vollständig untersucht. Es gibt derzeit keinerlei Hinweise auf Fremdeinwirkung.“
Elena nickte.
„Ich weiß.“
Sie sah ihre Mutter an.
„Ich musste dich trotzdem fragen.“
Dianes Augen waren feucht.
Elena empfand nichts, was sie erwartet hatte.
Keine Befriedigung.
Keine Erleichterung.
„Ich habe Adrian nicht angefasst.“
„Gut.“
„Ich hätte niemals—“
„Gut.“
Diane verstummte.
Elena zog ein Blatt aus dem Ordner.
„Daniel wird dir heute die formelle Mitteilung geben.“
„Welche?“
„Die Zahlungen bleiben eingestellt.“
Diane wurde blass.
„Elena.“
„Die Nutzung des Hauses wird beendet.“
„Das kannst du nicht machen.“
„Doch.“
„Wo soll ich hin?“
Elena sah sie lange an.
„Das hast du mich nie gefragt, nachdem Adrian gestorben ist.“
Diane öffnete den Mund.
Elena hob die Hand.
„Aber ich gebe dir neunzig Tage.“
Daniel sah kurz zu ihr.
Das war mehr, als sie besprochen hatten.
„Ich bezahle einen Umzug“, sagte Elena. „Einmal. Nicht weil du Anspruch darauf hast. Weil ich nicht will, dass meine letzte Entscheidung über dieses Haus aus Rache entsteht.“
Diane starrte sie an.
„Und danach?“
„Danach bist du für dich selbst verantwortlich.“
„Ich bin deine Mutter.“
Elena dachte an Leo auf dem Teppich.
„Ja.“
„Willst du mich jetzt einfach aus deinem Leben streichen?“
„Fürs Erste.“
Diane schluckte.
„Wegen eines Fehlers?“
Elena sah sie an.
„Welchen meinst du?“
Ihre Mutter sagte nichts.
„Leo?“
Stille.
„Die falschen Unterlagen?“
Diane blickte zur Seite.
„Sechs Jahre Lüge über das Haus?“
Keine Antwort.
„Oder dass du Adrian angelogen hast, als er nach Papas Gerät gefragt hat?“
Diane flüsterte:
„Ich hatte Angst.“
Elena nickte.
„Das glaube ich dir.“
Diane hob den Blick.
Vielleicht erwartete sie Milde.
Elena gab ihr nur die Wahrheit.
„Ich hatte gestern auch Angst.“
Sie deutete Richtung Kinderzimmer.
„Der Unterschied ist, was wir danach gemacht haben.“
Diane weinte nicht.
Sie nahm die Unterlagen von Daniel entgegen.
Stand auf.
An der Tür drehte sie sich noch einmal um.
„Dein Vater hat mir dieses Haus versprochen.“
Elena antwortete:
„Dann hättest du seine echte Fassung nicht ersetzen müssen.“
Diane ging.
Die Haustür fiel leise ins Schloss.
Daniel blieb sitzen.
„Sind Sie sicher?“
Elena sah auf das Metallgerät.
„Nein.“
„Gut.“
Sie runzelte die Stirn.
Daniel schloss seinen Ordner.
„Menschen, die bei so etwas völlig sicher sind, machen mir meistens Sorgen.“
Zum ersten Mal seit Tagen musste Elena lachen.