Veyra originalSECHSUNDDREISSIG STUNDEN
Chapter 2 of 8

ZWEIMAL EINGELIEFERT

SECHSUNDDREISSIG STUNDEN — Chapter 2 - ZWEIMAL EINGELIEFERT

Daniel wurde ins Mercy General gebracht.

Emily kannte das Krankenhaus kaum.

Genau deshalb hatte sie es gewählt.

Lily blieb bei Nora.

Emily saß im Rettungswagen neben der Trage und sah einem Mann beim Atmen zu, den sie bereits beerdigen wollte.

Daniel atmete nicht normal.

Eine Maschine half ihm.

Sein Puls war so schwach gewesen, dass Emily die Zahlen auf dem Monitor nicht anschauen wollte.

Aber er war da.

Das war inzwischen das einzige Wort, an das sie sich klammerte.

Da.

Nicht gesund.

Nicht wach.

Nicht gerettet.

Da.

Im Schockraum übernahmen Ärzte.

Emily musste draußen bleiben.

Eine junge Pflegerin brachte ihr Wasser.

Emily hielt den Becher zwanzig Minuten lang, ohne zu trinken.

Dann kam ein Arzt.

Dr. Samuel Levin.

Vielleicht fünfzig. Graue Schläfen. Ruhige Stimme.

„Mrs. Carter?“

Emily stand sofort auf.

„Lebt er?“

Levin ließ diese Frage nicht hinter medizinischen Formulierungen verschwinden.

„Ja.“

Ihre Knie wurden weich.

Sie setzte sich wieder.

„Ja?“

„Ihr Mann hat einen eigenen Kreislauf.“

Emily begann zu weinen.

Es war nicht das Weinen der vergangenen zwei Tage.

Das hatte sich angefühlt wie Fallen.

Dieses fühlte sich schlimmer an.

Wie das plötzliche Aufreißen einer Tür, hinter der man nichts mehr erwartet hatte.

„Ist er wach?“

„Nein.“

„Wird er aufwachen?“

„Das kann ich Ihnen noch nicht sagen.“

Sie nickte.

„Was ist passiert?“

Levin setzte sich ihr gegenüber.

„Genau das versuchen wir herauszufinden.“

„Er war tot.“

„Er wurde für tot erklärt.“

Der Unterschied traf sie sofort.

„Sagen Sie gerade, das war falsch?“

„Ich sage, dass Ihr Mann jetzt objektiv Lebenszeichen hat.“

„Nach sechsunddreißig Stunden.“

„Ja.“

„Im Kühlraum.“

„Ja.“

Sie wartete.

Levin wusste, was sie hören wollte.

Eine Erklärung.

Er hatte keine.

„Es gibt seltene Zustände“, sagte er vorsichtig, „in denen Kreislauf und Atmung extrem schwer festzustellen sein können. Bestimmte Medikamente, schwere Stoffwechselstörungen und starke Abkühlung können eine Beurteilung zusätzlich erschweren.“

„Können die jemanden sechsunddreißig Stunden tot aussehen lassen?“

„Ich möchte Ihnen keine falsche Sicherheit und auch keine falsche Erklärung geben.“

„Also wissen Sie es nicht.“

„Noch nicht.“

Er fragte nach Daniels Vorerkrankungen.

Keine.

Medikamente.

Keine außer gelegentlichen Allergietabletten.

Drogen.

Nein.

Alkohol.

Selten.

„Warum war eine toxikologische Untersuchung angeordnet?“

Emily sah auf ihre Hände.

„Weil ich darauf bestanden habe.“

„Gab es einen Grund?“

Sie dachte wieder an Daniels Satz.

Lass dir alles schriftlich geben.

„Mein Mann arbeitete im St. Gabriel.“

Levin wartete.

„Nicht als Arzt. In der internen Compliance.“

Sein Gesicht veränderte sich kaum.

„Was genau hat er dort gemacht?“

„Prüfungen. Abrechnungen. Sicherheitsmeldungen. So etwas.“

„Hatte er zuletzt Probleme bei der Arbeit?“

„Ich dachte, ja.“

„Dachte?“

Emily blickte zur geschlossenen Tür des Schockraums.

„Daniel erzählt nicht gern von laufenden Untersuchungen. Er sagt immer, dass er beruflich Dinge wissen muss, die nicht automatisch mir gehören.“

„Aber irgendetwas war anders.“

Sie nickte.

„Er hat kaum geschlafen.“

„Seit wann?“

„Zwei Wochen vielleicht.“

Es war mehr gewesen.

Daniel hatte sein Telefon plötzlich nicht mehr auf dem Küchentisch liegen lassen.

Er hatte zweimal spätabends noch den Laptop geöffnet.

Einmal hatte Emily nachts bemerkt, dass er nicht neben ihr lag.

Sie hatte ihn unten gefunden.

Im Dunkeln.

Nur der Bildschirm leuchtete.

„Was machst du?“

Daniel hatte den Laptop sofort zugeklappt.

Nicht weil er etwas vor ihr verheimlichte.

Eher, weil er nicht wollte, dass etwas aus dem Bildschirm zu ihr gelangte.

„Arbeit.“

„Um halb drei?“

Er hatte sich übers Gesicht gerieben.

„Ich muss nur etwas zu Ende bringen.“

Dann, zwei Tage vor seinem Zusammenbruch, hatte er ihr den Satz über St. Gabriel gesagt.

Emily erzählte Levin davon.

„Hat er erklärt, was er meinte?“

„Nein.“

„Haben Sie danach gefragt?“

„Natürlich.“

„Und?“

Sie konnte Daniels Antwort noch hören.

„Ich will erst sicher sein, dass ich recht habe.“

Dr. Levin lehnte sich zurück.

„Mrs. Carter, ich muss Sie etwas fragen.“

„Okay.“

„Wer hat den Tod Ihres Mannes festgestellt?“

Emily holte den Totenschein heraus.

Levin las.

Dr. Nathan Reeves.

Todeszeit: 5:12 Uhr.

Als Levin das Formular zurückgab, sagte er nichts.

„Kennen Sie ihn?“, fragte Emily.

„Vom Namen.“

„Was bedeutet das?“

„Er ist leitender Arzt in der Notaufnahme von St. Gabriel.“

„Und?“

„Und ich möchte seine Arbeit nicht anhand eines Dokuments beurteilen, bevor wir die vollständige Akte haben.“

„Kann ich die bekommen?“

„Sie sind die Ehefrau. Sie können sie anfordern.“

„Ich habe schon eine Kopie.“

Jetzt reagierte er.

„Wann?“

„Nachdem Daniel gestorben ist.“

„Vollständig?“

„Das dachte ich.“

Sie nahm ihr Telefon heraus.

Die PDF hatte vierundzwanzig Seiten.

Dr. Levin sah nicht alles durch.

Nur den zeitlichen Ablauf.

Auf Seite siebzehn hielt er an.

„Was?“

Emily stand auf.

„Was sehen Sie?“

Er zeigte auf einen Eintrag.

4:46 Uhr.

Kein tastbarer Puls.

Wiederbelebungsmaßnahmen fortgeführt.

Dann sprang die Dokumentation auf:

5:12 Uhr.

Tod festgestellt.

„Dazwischen fehlen sechsundzwanzig Minuten“, sagte Emily.

Levin nickte langsam.

„Kann das normal sein?“

„Dokumentation kann unvollständig sein.“

„Das war nicht meine Frage.“

Er sah sie an.

„Dann lautet die Antwort: Ich würde wissen wollen, was in diesen sechsundzwanzig Minuten passiert ist.“

Emily nahm ihr Telefon zurück.

„Und wenn das hier nicht die vollständige Akte ist?“

Dr. Levin antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Dann sollten Sie herausfinden, wer entschieden hat, Ihnen diese Version zu geben.“

GermanVeyra Editorial