RACHEL KEENE
Rachel wollte Emily nicht im Krankenhaus treffen.
Sie schlug ein Café an einer Tankstelle zwanzig Minuten außerhalb der Stadt vor.
Emily nahm Nora mit, ließ sie aber im Auto warten.
Rachel saß ganz hinten.
Anfang dreißig.
Dunkle Haare.
Keine Uniform.
Sie hielt ihre Kaffeetasse mit beiden Händen, obwohl sie offenbar nichts daraus trank.
„Mrs. Carter?“
„Emily.“
Rachel nickte.
„Danke, dass Sie gekommen sind.“
„Sie haben mir geschrieben.“
„Ich wusste nicht, ob ich sollte.“
Emily setzte sich.
„Warum haben Sie es dann getan?“
Rachel sah zum Fenster.
„Weil Ihr Mann lebt.“
Der Satz war gleichzeitig banal und gewaltig.
„Er war nicht tot, oder?“
Rachel antwortete nicht sofort.
„Ich kann nicht sagen, was genau sein Zustand war. Ich bin keine Ärztin.“
„Aber Sie haben widersprochen.“
„Ja.“
„Warum?“
Rachel rieb mit dem Daumen über den Rand der Tasse.
„Die ganze Situation war falsch.“
Daniel war kurz nach vier Uhr morgens eingeliefert worden.
Er war im Parkhaus des St. Gabriel zusammengebrochen.
Ein Sicherheitsmitarbeiter hatte ihn gefunden.
Anfangs habe er noch sehr schwache Lebenszeichen gehabt.
Dann habe sich sein Zustand verschlechtert.
„War Dr. Reeves von Anfang an da?“
„Nein.“
„Wann kam er?“
„Kurz nach halb fünf.“
„Warum?“
Rachel sah sie an.
„Das habe ich mich auch gefragt.“
Reeves war Chef der Notaufnahme.
Er behandelte nachts nicht routinemäßig jeden Patienten.
Aber Daniel war kein gewöhnlicher Patient gewesen.
Er arbeitete für das Krankenhaus.
Und offenbar hatte jemand Dr. Reeves persönlich angerufen.
„Wer?“
„Weiß ich nicht.“
Emily dachte an Daniels verschlossenen Laptop.
„Was war medizinisch ungewöhnlich?“
„Seine Temperatur war sehr niedrig.“
„Warum?“
„Das wussten wir nicht.“
„Und der Puls?“
„Schwer zu finden.“
„Aber es gab elektrische Aktivität.“
„Teilweise.“
Rachel wählte jedes Wort vorsichtig.
„Es war ein komplizierter Zustand. Ich sage nicht, dass jemand einfach einen normalen Puls ignoriert hat.“
Emily nickte.
„Was sagen Sie dann?“
„Dass ich noch nie erlebt habe, dass man bei einem ungeklärten Zustand mit möglichen Medikamenten im Spiel so schnell aufhört, weiterzusuchen.“
„Hat Reeves das entschieden?“
„Ja.“
„Allein?“
„Er war der verantwortliche Arzt.“
„Und Sie haben protestiert.“
Rachel sah wieder weg.
„Ich habe gesagt, dass ich mehr Zeit will. Neue Blutwerte. Weitere Untersuchung. Ich fand seine Pupillenreaktion nicht eindeutig.“
„Und Reeves?“
„Er sagte, ich solle die Situation akzeptieren.“
„Dann haben Sie Ihren Eintrag geschrieben.“
„Ja.“
„Und er hat ihn gelöscht.“
„Aufgehoben.“
„Das ist dasselbe.“
„Im System nicht.“
Emily hätte beinahe gelacht.
Daniel hätte diesen Unterschied gehasst.
„Warum haben Sie nichts gesagt, nachdem er für tot erklärt worden war?“
Rachel bekam rote Flecken am Hals.
„Weil ich Angst hatte.“
Emily schwieg.
„Dr. Reeves ist nicht irgendein Arzt. Er entscheidet über Dienstpläne. Empfehlungen. Wer welche Schichten bekommt. Wer intern als schwierig gilt.“
„Also haben Sie geschwiegen.“
„Ja.“
Es klang nicht defensiv.
Nur beschämt.
„Bis Daniel aufgewacht ist.“
„Er ist noch nicht aufgewacht.“
Rachel nickte.
„Aber er lebt.“
Das allein hatte für sie gereicht.
Emily zog ihr Telefon heraus.
„Kennen Sie das?“
Sie zeigte Rachel einen Screenshot aus Daniels Kalender.
Am Mittwoch, dem Tag vor seinem Zusammenbruch, stand dort:
R / 9:30 PM / B4 ARCHIVE
Rachel wurde still.
„Was?“
„Sagt Ihnen das etwas?“
„B4 könnte Basement Four sein.“
„Keller vier?“
„Wir nennen die Archivräume so.“
Emily spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Was liegt dort?“
„Alte Patientenakten. Interne Sicherungen. Sachen, die noch nicht vollständig digitalisiert wurden.“
„Kann Daniel darauf zugreifen?“
„Compliance? Wahrscheinlich.“
„Und R?“
Rachel schüttelte den Kopf.
„Keine Ahnung.“
Emily glaubte ihr.
Bevor sie ging, fragte sie:
„Warum hat jemand vom St. Gabriel beim Bestattungsinstitut nach der Einbalsamierung gefragt?“
Rachel sah sie an.
Zum ersten Mal wirkte sie nicht unsicher.
Sondern erschrocken.
„Wer hat das gemacht?“
„Das versuche ich herauszufinden.“
Rachel griff nach ihrer Tasche.
„Emily.“
„Was?“
„Daniel hat in den Wochen vor seinem Tod mit einer Untersuchung zu tun gehabt.“
Emily wartete.
„Welche?“
„Es ging um Todesfälle.“
Der Lärm des Cafés schien plötzlich weiter weg.
„Was für Todesfälle?“
„Patienten, die kurz nach der Aufnahme gestorben waren.“
„Wie viele?“
„Ich weiß es nicht.“
„Und was hatte Daniel damit zu tun?“
Rachel stand auf.
„Das sollten Sie nicht mich fragen.“
„Wen dann?“
Sie sah Emily direkt an.
„Wenn er wieder aufwacht, fragen Sie Ihren Mann, warum er angefangen hat, Totenscheine miteinander zu vergleichen.“