Veyra originalSECHSUNDDREISSIG STUNDEN
Chapter 3 of 8

DIE LETZTEN SECHSUNDZWANZIG MINUTEN

SECHSUNDDREISSIG STUNDEN — Chapter 3 - DIE LETZTEN SECHSUNDZWANZIG MINUTEN

Am nächsten Morgen war Daniel noch nicht wach.

Sein Zustand war stabiler.

Mehr konnte niemand versprechen.

Emily durfte für wenige Minuten zu ihm.

Er sah anders aus als im Sarg.

Nicht gesünder.

Aber lebendig auf eine Art, die nichts mit Farbe zu tun hatte.

Geräte arbeiteten um ihn herum.

Menschen kamen herein, prüften etwas, veränderten etwas, gingen wieder.

Tod war Stillstand gewesen.

Das hier war das Gegenteil.

Emily setzte sich.

„Lily ist sauer auf dich“, sagte sie.

Keine Reaktion.

„Sie sagt, du bist zweimal weggegangen.“

Sie nahm seine Hand.

„Ich hab ihr gesagt, das zweite Mal zählt nicht.“

Seine Finger blieben still.

Emily sah sie trotzdem an.

Weil diese Hand bereits einmal etwas getan hatte, das niemand für möglich hielt.

Am Nachmittag rief St. Gabriel an.

Nicht Dr. Reeves.

Ein Mann namens Peter Lawson aus der Rechtsabteilung.

„Mrs. Carter, zunächst möchten wir sagen, dass wir von den Entwicklungen tief betroffen sind.“

Emily stand im Krankenhausflur.

„Betroffen.“

„Wir nehmen die Situation selbstverständlich sehr ernst.“

„Mein Mann wurde bei Ihnen für tot erklärt.“

„Genau deshalb führen wir eine interne Überprüfung durch.“

„Dann schicken Sie mir seine vollständige Akte.“

Eine Pause.

„Sie haben bereits Unterlagen erhalten.“

„Ich möchte die vollständige.“

„Selbstverständlich.“

„Auch sämtliche Versionen.“

Die Pause dauerte diesmal länger.

„Was meinen Sie mit Versionen?“

„Audit-Logs. Nachträgliche Änderungen. Gelöschte Einträge.“

„Mrs. Carter—“

„Mein Mann arbeitet bei Ihnen in Compliance. Ich weiß inzwischen, dass solche Protokolle existieren.“

Lawsons Stimme wurde kühler.

„Es wäre vermutlich sinnvoll, die Kommunikation ab jetzt strukturiert über unsere Rechtsabteilung laufen zu lassen.“

Emily sah durch die Glasscheibe der Intensivstation.

„Gut.“

„Wir melden uns.“

„Nein.“

„Entschuldigung?“

„Sie schicken mir heute die vollständige Patientenakte. Und danach können Sie strukturieren, was Sie wollen.“

Sie legte auf.

Zehn Minuten später erhielt sie eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.

Nur einen Satz.

FRAGEN SIE NACH RACHEL KEENE.

Emily las ihn dreimal.

Dann antwortete sie:

WER IST DAS?

Keine Antwort.

Sie suchte den Namen.

Rachel Keene.

Registered Nurse.

St. Gabriel Medical Center.

Mehr fand sie zunächst nicht.

Nora brachte Lily am Abend vorbei.

Ihre Tochter durfte nicht auf die Intensivstation, also saßen sie gemeinsam in der Cafeteria.

„Daddy schläft?“

„Ja.“

„Lange.“

„Sehr lange.“

Lily stocherte in einer Banane herum.

„Ist er noch tot?“

Nora sah sofort zu Emily.

Emily hielt den Blick ihrer Tochter.

„Nein.“

Lily nickte.

Für sie war die Antwort ausreichend.

Später erzählte Nora, was Thomas Bell ihr gesagt hatte.

Am Nachmittag vor der Abschiedsstunde habe jemand vom St. Gabriel beim Bestattungsinstitut angerufen.

Emily stellte ihre Kaffeetasse ab.

„Wer?“

„Weiß er nicht.“

„Was wollten die?“

„Wissen, ob Daniel schon einbalsamiert worden sei.“

Emily sagte nichts.

„Thomas dachte, es gehe um die Toxikologie.“

„Warum fragt ein Krankenhaus das Bestattungsinstitut?“

„Keine Ahnung.“

Emily stand auf.

„Ich muss mit ihm reden.“

Thomas nahm ihren Anruf sofort entgegen.

Ja, der Anruf habe stattgefunden.

Nein, er habe sich nichts dabei gedacht.

„Was genau wurde gefragt?“

„Ob die Vorbereitung bereits abgeschlossen sei.“

„So haben sie es gesagt?“

„Zuerst ja.“

„Und danach?“

Thomas schwieg.

„Thomas.“

„Der Mann fragte ausdrücklich nach der Einbalsamierung.“

„Mann?“

„Ja.“

„Name?“

„Hat er nicht gesagt.“

„Nummer?“

„Zentrale des Krankenhauses.“

Emily legte auf.

Die vollständige Akte traf um 21:07 Uhr ein.

Einunddreißig Seiten.

Sie legte die erste Version daneben.

Vierundzwanzig Seiten.

Sie ging beide Dokumente langsam durch.

Auf Seite achtzehn der neuen Akte fand sie die sechsundzwanzig Minuten.

4:51 Uhr:

Schwach organisierte elektrische Aktivität.

4:54 Uhr:

Pflegekraft bittet um erneute Ultraschallkontrolle.

4:57 Uhr:

Dr. Reeves dokumentiert keinen mechanischen Herzschlag.

5:01 Uhr:

Medikamentöse Ursache weiterhin nicht ausgeschlossen.

5:04 Uhr:

Ein Eintrag von Rachel Keene.

Patient weiterhin ungewöhnlich kalt. Pupillenreaktion möglicherweise vorhanden. Bitte Fortführung der Maßnahmen und toxikologisches Screening vor Todesfeststellung.

Daneben stand:

ENTRY VOIDED.

Eintrag aufgehoben.

Darunter ein Administratorkürzel.

NR.

Nathan Reeves.

Emily saß vollkommen still.

In ihrer ersten Akte hatte es diesen Eintrag nicht gegeben.

Auch nicht die elektrische Aktivität.

Auch nicht die Bitte um weitere Diagnostik.

Nur den Sprung von 4:46 zu 5:12 Uhr.

Sie fotografierte beide Versionen.

Schickte sie an sich selbst.

An Nora.

An einen Anwalt.

Dann suchte sie noch einmal die unbekannte Nummer hervor.

WER SIND SIE?

Diesmal kam eine Antwort.

RACHEL.

Und gleich danach:

IHR MANN WAR UM 5:04 NOCH NICHT SO, WIE EIN TOTER SEIN SOLLTE.

GermanVeyra Editorial