GermanVeyra Original

WENN DIE LUFT ZURÜCKKOMMT

One choice changes everything.

Begin Chapter 16 chapters
WENN DIE LUFT ZURÜCKKOMMTRead the story
Chapter 1 of 6

DER MARMORBODEN

Elias Falkenberg hatte in seinem Leben gelernt, dass fast alles leiser wurde, sobald genügend Geld im Raum war.

Streit wurde zu Verhandlungen. Angst bekam einen Termin. Fehler wurden von Anwälten formuliert, bevor jemand das Wort Schuld benutzen musste.

Selbst Krankheit hatte in seinem Leben meistens etwas Organisiertes gehabt. Ein Fahrer brachte ihn zur Untersuchung. Ein Spezialist wartete bereits. Ergebnisse landeten auf dem Schreibtisch seiner Assistentin, bevor Elias überhaupt wieder im Wagen saß.

Darum irritierte ihn an diesem Abend zunächst weniger die Enge in seiner Brust als die Tatsache, dass sie sich nicht wegorganisieren ließ.

Im Ballsaal seines Hauses standen fast zweihundert Gäste unter drei Kronleuchtern. Unternehmer, Politiker, alte Freunde, Leute, die sich gern alte Freunde nannten, obwohl Elias sich nicht erinnern konnte, wann er zuletzt mit ihnen allein in einem Raum gewesen war.

Es war die jährliche Stiftungsgala.

Zwanzig Jahre Falkenberg-Stiftung.

Auf der Bühne wartete bereits das Mikrofon, an dem Elias später seinen Sohn Maximilian offiziell als zukünftigen Vorstandsvorsitzenden der Falkenberg-Gruppe vorstellen wollte.

Elias hatte sich darauf gefreut.

Nicht auf die Rede. Auf den Satz.

Mein Sohn wird übernehmen.

Ein sauberer Satz. Einer, der eine Sache endgültig machte.

Dann hatte er die ersten drei Worte seiner Begrüßung gesprochen und gemerkt, dass etwas nicht stimmte.

Er räusperte sich.

Seine Brust zog sich zusammen.

Nicht dramatisch. Noch nicht.

Er kannte das Gefühl.

Seit seiner Jugend hatte er Asthma, inzwischen so gut kontrolliert, dass die meisten Menschen in seinem Umfeld nichts davon wussten. Er selbst vergaß es manchmal.

Er beendete den Satz, lächelte und gab das Mikrofon an den Moderator weiter.

Sein eigener Inhalator lag in der Schublade seines Arbeitszimmers.

Drei Räume entfernt.

Elias verließ den Ballsaal durch die Seitentür, ohne jemanden anzusehen.

Im Korridor war es still.

Er ging schneller.

Nach fünf Schritten merkte er, dass das ein Fehler gewesen war.

Er blieb stehen und zog Luft ein.

Zu wenig.

Noch einmal.

Wieder zu wenig.

Die vertraute Panik kam sofort, primitiv und beschämend, völlig unbeeindruckt davon, dass dieses Haus ihm gehörte und ein Stockwerk tiefer ein Arzt mit ihm Champagner getrunken hatte.

Elias stützte sich mit einer Hand an der Wand ab.

„Verdammt.“

Das Wort hatte kaum Lautstärke.

Er erreichte die Tür seines Arbeitszimmers nicht.

Seine Knie gaben zuerst nach.

Der Marmor war kälter, als er erwartet hatte.

Für einige Sekunden versuchte er, sich hochzuziehen. Dann ließ die Kraft in seinen Armen nach.

Hinter der geschlossenen Ballsaaltür begann Applaus.

Elias lag vielleicht acht Meter davon entfernt.

Er versuchte zu rufen.

Es kam fast nichts.

Dann hörte er kleine Schritte.

Keine Lederschuhe.

Kein hastiges Personal.

Etwas Weiches schlurfte über den Stein.

Elias hob den Kopf.

Ein Mädchen stand am anderen Ende des Korridors.

Vielleicht sechs Jahre alt.

Dunkelblaue Schlafanzughose. Passendes Oberteil. Überall kleine silberne Sterne.

Sie hielt einen Stoffhasen unter einem Arm.

Elias wollte ihr sagen, sie solle jemanden holen.

Er bekam den Satz nicht heraus.

Das Mädchen ließ den Hasen fallen.

„Kriegst du keine Luft?“

Elias nickte.

Sie kam näher.

Nicht schnell. Konzentriert.

Dann griff sie in die Tasche ihrer Schlafanzughose und zog einen kleinen Inhalator heraus.

Elias starrte ihn an.

Sie kniete sich hin.

„Den musst du nehmen.“

Er schüttelte schwach den Kopf. Nicht weil er ihn nicht wollte. Weil irgendein erwachsener, vernünftiger Teil seines Gehirns ihm sagte, dass ein sechsjähriges Kind ihm keine Medikamente geben sollte.

Das Mädchen missverstand ihn.

„Ich brauch den auch.“

Sie hielt ihm das Spray näher.

„Wenn es schlimm wird.“

Elias bekam die Finger darum.

Das Kind beobachtete ihn mit jener übertriebenen Aufmerksamkeit, die Kinder entwickelten, wenn Erwachsene plötzlich nicht mehr wussten, was zu tun war.

Er benutzte den Inhalator.

Einmal.

Dann erneut.

Die Wirkung kam nicht wie eine Tür, die sich öffnete.

Eher wie ein Spalt.

Genug, um nicht mehr überzeugt zu sein, in den nächsten Sekunden zu sterben.

Das Mädchen setzte sich auf ihre Fersen.

„Siehst du?“

Elias konzentrierte sich auf jeden Atemzug.

„Mama sagt, die Luft kommt wieder.“

Er sah sie an.

Es war etwas Absurdes daran, dass dieser Satz ihn beruhigte.

Vielleicht weil sie ihn offenbar selbst schon oft hatte hören müssen.

Elias hob eine Hand und zeigte Richtung Ballsaal.

„Hilfe.“

„Okay.“

Sie stand sofort auf.

Nach zwei Schritten drehte sie sich um.

„Nicht aufstehen.“

Dann rannte sie los.

Elias hätte fast gelacht, wenn er genug Luft gehabt hätte.

Nicht aufstehen.

Als hätte er eine Wahl.

Weniger als eine Minute später wurde die Tür zum Ballsaal aufgerissen.

Stimmen.

Schritte.

Jemand rief seinen Namen.

Maximilian kam zuerst.

Hinter ihm zwei Mitarbeiter und Dr. Henning Baumann, ein Kardiologe, der seit fünfzehn Jahren auf jeder Falkenberg-Gala auftauchte.

Plötzlich waren überall Menschen.

Elias sah das Mädchen nicht mehr.

Jemand legte ihm eine Hand auf die Schulter. Jemand anderes rief den Rettungsdienst, obwohl der bereits verständigt worden war.

Baumann kniete sich neben ihn.

„Elias, hören Sie mich?“

Elias nickte.

In seiner Hand hielt er noch immer den kleinen Inhalator.

Er wusste später nicht, wann er das Bewusstsein verlor.

Nur, dass sein letzter klarer Gedanke vor dem Krankenhaus nichts mit seinem Sohn, seinem Unternehmen oder den zweihundert Menschen hinter der Tür zu tun hatte.

Er dachte an Sterne auf dunkelblauem Stoff.

Und an eine Kinderstimme.

Die Luft kommt wieder.

GermanVeyra Editorial