Veyra originalWENN DIE LUFT ZURÜCKKOMMT
Chapter 4 of 6

WAS MAN NICHT KAUFEN KANN

WENN DIE LUFT ZURÜCKKOMMT — Chapter 4 - WAS MAN NICHT KAUFEN KANN

Nora lebte in einem Reihenhaus am Rand von Potsdam.

Nicht arm.

Nicht reich.

Normal.

Elias stellte fest, wie selten er dieses Wort noch benutzen konnte, ohne dass es abwertend klang.

Vor der Haustür stand ein kleines Fahrrad mit einem rosa Helm am Lenker.

Er blieb länger im Wagen sitzen, als notwendig gewesen wäre.

Dann klingelte er.

Nora öffnete.

Sie wirkte nicht überrascht.

„Greta hat angerufen.“

„Natürlich.“

„Sie wollte verhindern, dass ich die Polizei rufe.“

Elias nickte.

„Fair.“

Das schien sie für einen Moment aus dem Takt zu bringen.

„Ist Leni da?“

Noras Gesicht wurde sofort härter.

„Nein.“

Er glaubte ihr nicht.

Sie merkte es.

„Und selbst wenn: Du kommst hier nicht unangemeldet vorbei und fragst nach meinem Kind.“

„Ich wollte ihr das zurückbringen.“

Er hielt den Inhalator hoch.

Nora nahm ihn sofort.

Prüfte ihn automatisch.

Dann steckte sie ihn in die Tasche ihres Pullovers.

Elias bemerkte die Bewegung.

Keine Dankbarkeit.

Kein Symbol.

Für Nora war es das Medikament ihrer Tochter.

Etwas, das wieder dorthin gehörte, wo es gebraucht wurde.

„Danke“, sagte sie.

Sie wollte die Tür schließen.

„Ich habe die Briefe gefunden.“

Nora hielt inne.

„Welche?“

„Alle, glaube ich.“

Etwas veränderte sich.

„Alle?“

„Greta hat einige aufgehoben.“

„Natürlich hat sie das.“

„Ich habe den ersten gelesen.“

Nora sah ihn direkt an.

„Und?“

Elias hatte auf der Fahrt mehrere Antworten vorbereitet.

Keine passte mehr.

„Du hattest recht.“

Nora lehnte sich an den Türrahmen.

„Das ist alles?“

„Nein.“

Er atmete ein.

Langsam.

„Ich habe dir damals gesagt, du sollst nicht zurückkommen, wenn du Tomas heiratest.“

„Ja.“

„Und danach habe ich beschlossen, jedes Mal, wenn du dich gemeldet hast, so zu tun, als würdest du nur wieder Streit suchen.“

„Auch ja.“

„Ich dachte irgendwann wirklich, ich hätte nichts von Leni gewusst.“

Nora schluckte.

„Das glaube ich dir sogar.“

„Das macht es nicht besser.“

„Nein.“

Elias zog einen Umschlag aus seiner Jackentasche.

Nora sah ihn an.

„Was ist das?“

„Ein Konto für Leni.“

Ihre Augen schlossen sich.

Nur kurz.

Elias wusste sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte.

„Für Ausbildung, Gesundheit, was auch immer sie später—“

Nora hielt eine Hand hoch.

„Nein.“

„Nora, bitte.“

„Du hast sieben Jahre lang keinen einzigen Brief geöffnet und kommst jetzt nach zwei Tagen mit Geld.“

„Es geht nicht um Geld.“

Sie sah auf den Umschlag.

„Dann hättest du keins mitgebracht.“

Er konnte nichts erwidern.

Nora trat einen Schritt hinaus und zog die Tür hinter sich zu.

Jetzt standen sie auf der kleinen Terrasse.

„Leni hat gestern gefragt, ob der Mann wieder atmen kann.“

Elias sah sie an.

„Was hast du gesagt?“

„Ja.“

„Hat sie gefragt, wer ich bin?“

„Nein.“

Das tat überraschend weh.

Nora bemerkte es.

„Sie ist sechs, Papa. Du bist nicht Mittelpunkt ihrer Welt.“

Es war das erste Mal, dass sie ihn Papa nannte.

Nicht liebevoll.

Aber das Wort existierte noch.

„Kann ich sie kennenlernen?“

Nora verschränkte die Arme.

„Vielleicht.“

Elias wartete.

„Nicht heute.“

Er nickte.

„Und nicht mit einem Fahrer, der draußen wartet.“

Elias drehte sich zum Wagen.

„Der wartet immer.“

„Genau.“

Fast hätte er widersprochen.

Dann ließ er es.

„Was soll ich tun?“

Nora sah ihn misstrauisch an.

„Meinst du das ernst?“

„Ja.“

„Geh nach Hause.“

Er blinzelte.

„Das soll ich tun?“

„Heute ja.“

„Und dann?“

„Wenn Leni dich sehen will, sage ich dir Bescheid.“

„Wann?“

„Das weiß ich nicht.“

Elias merkte, wie sofort der alte Impuls zurückkam: Termin. Sicherheit. Vereinbarung.

Er zwang sich, nichts zu sagen.

Nora bemerkte auch das.

„Und noch etwas.“

„Ja?“

„Lass Maximilian da raus.“

„Was hat Max damit zu tun?“

„Er hat mich heute Morgen angerufen.“

Elias' Gesicht wurde kalt.

„Was wollte er?“

„Dass ich dir Zeit gebe, dich zu erholen. Und dass ich mir bewusst sein soll, wie die Presse meine plötzliche Rückkehr interpretieren könnte.“

Elias verstand jedes einzelne Wort.

Gerade deshalb wurde ihm übel.

„Hat er dir Geld angeboten?“

„Nein.“

„Hat er dich bedroht?“

„Auch nein.“

Nora sah ihn an.

„Er klang wie du.“

Das war schlimmer.

Elias fuhr direkt zu Maximilian.

Sein Sohn saß im Konferenzraum der Firmenzentrale, umgeben von Unterlagen für die verschobene Nachfolgesitzung.

„Du hast Nora angerufen.“

Maximilian schloss die Mappe vor sich.

„Ja.“

„Warum?“

„Weil du gerade einen medizinischen Notfall hattest und seit gestern Entscheidungen triffst, die du vor einer Woche für absurd gehalten hättest.“

„Sie ist deine Schwester.“

„Das war sie vorgestern auch.“

Elias blieb stehen.

Maximilian stand nun ebenfalls auf.

„Du kannst nicht sieben Jahre löschen, weil ihre Tochter dir ein Asthmaspray gegeben hat.“

Der Satz war hässlich.

Und dennoch nicht völlig falsch.

„Ich versuche gar nichts zu löschen.“

„Doch. Du machst das, was du immer machst. Es gibt ein Problem, und jetzt soll alles sofort repariert werden.“

„Ich habe ihr angeboten—“

Maximilian lachte einmal.

„Geld?“

Elias sagte nichts.

Maximilian rieb sich über das Gesicht.

„Natürlich.“

„Pass auf, wie du mit mir redest.“

„Nein.“

Das Wort war ruhig.

Elias kannte es von Nora.

Plötzlich auch von ihm.

„Seit ich zweiundzwanzig bin, höre ich, dass ich eines Tages übernehmen soll. Ich habe jeden Job angenommen, den du verlangt hast. Jede Stadt. Jede beschissene Aufgabe. Ich habe meine Familie in Zürich gelassen, als du meintest, ich müsste ein Jahr nach Singapur.“

Elias sah seinen Sohn an.

„Und jetzt?“

Maximilian deutete auf die Unterlagen.

„Jetzt liegst du einmal auf einem Marmorboden, entdeckst, dass du eine Enkelin hast, und plötzlich weiß niemand mehr, was morgen gilt.“

„Nora will das Unternehmen nicht.“

„Darum geht es nicht.“

„Worum dann?“

Maximilian schwieg lange.

„Dass du sie vermisst hast.“

Elias verstand nicht.

„Und mich nie.“

Jetzt war es still.

Nicht die dramatische Stille eines Ballsaals.

Die viel unangenehmere zwischen zwei Menschen, die plötzlich dasselbe Problem aus unterschiedlichen Richtungen betrachteten.

Maximilian setzte sich wieder.

„Nora ist gegangen“, sagte er. „Also hast du sieben Jahre lang über sie geschimpft.“

Er sah auf die geschlossene Mappe.

„Ich bin geblieben.“

Dann sah er seinen Vater an.

„Und manchmal hatte ich das Gefühl, das Einzige, was du an mir mochtest, war genau das.“

GermanVeyra Editorial