Veyra originalWENN DIE LUFT ZURÜCKKOMMT
Chapter 2 of 6

SECHS

WENN DIE LUFT ZURÜCKKOMMT — Chapter 2 - SECHS

Am nächsten Morgen roch sein eigenes Schlafzimmer nach Desinfektionsmittel.

Elias hasste das.

Ein Privatarzt hatte darauf bestanden, nach seiner Entlassung für einige Stunden im Haus zu bleiben. Auf dem Nachttisch standen Medikamente, Wasser und ein neuer Inhalator, den jemand aus einer Apotheke hatte bringen lassen.

Der Inhalator des Mädchens lag daneben.

Klein.

Violett.

Elias hatte darauf bestanden, ihn mitzunehmen.

Nicht zu behalten.

Zurückzugeben.

Das sagte er sich jedenfalls.

Maximilian stand am Fenster und telefonierte leise mit jemandem aus der Kommunikationsabteilung.

„Nein. Kreislaufproblem“, sagte er. „Mehr müssen wir nicht sagen.“

Elias richtete sich auf.

„Asthmaanfall.“

Maximilian drehte sich um.

„Was?“

„Ich hatte einen schweren Asthmaanfall.“

Sein Sohn legte das Telefon vom Ohr weg.

„Das geht niemanden etwas an.“

„Dann sag gar nichts.“

Maximilian beendete das Gespräch.

Mit einundvierzig sah er Elias ähnlicher, als diesem manchmal lieb war. Nicht im Gesicht. In der Art, wie er Ärger in Effizienz verwandelte.

„Die Gala ist natürlich vorbei. Wir verschieben die Ankündigung um ein paar Wochen.“

„Wo ist das Mädchen?“

Maximilian schwieg.

Elias nahm den kleinen Inhalator vom Nachttisch.

„Das Kind von gestern.“

„Ich weiß, wen du meinst.“

„Wer ist sie?“

Maximilian sah zur Tür.

Diese eine Bewegung genügte.

Elias setzte die Füße auf den Boden.

„Max.“

„Du solltest liegen bleiben.“

„Wer ist sie?“

Maximilian atmete durch.

„Greta hat Nora ins Haus gelassen.“

Elias bewegte sich nicht.

Sieben Jahre konnten erstaunlich schnell in einen Raum zurückkehren.

Nora.

Seine Tochter.

Er hatte ihren Namen lange nicht laut gehört.

„Was hat Nora damit zu tun?“

Maximilians Blick fiel auf den Inhalator.

Jetzt wusste Elias es.

Nicht alles.

Genug.

Er stand zu schnell auf. Schwindel zwang ihn, eine Hand an die Bettkante zu legen.

„Wie alt?“

„Papa.“

„Wie alt ist das Kind?“

„Sechs.“

Elias schloss die Augen.

Nicht weil er rechnen musste.

Weil er bereits gerechnet hatte.

„Wo sind sie?“

„Nora will gehen.“

Elias ging an ihm vorbei.

Maximilian griff nach seinem Arm.

„Lass sie.“

Elias sah auf die Hand seines Sohnes.

Maximilian ließ los.

„Nicht heute“, sagte er. „Bitte. Du warst vor zwölf Stunden im Krankenhaus.“

„Genau deshalb heute.“

Er fand Nora in der Eingangshalle.

Sie trug dieselbe schwarze Hose wie am Vorabend und einen grauen Pullover, den er nicht kannte. Eine Reisetasche stand neben ihr.

Ihr Haar war kürzer als damals.

Das war sein erster Gedanke.

Sein zweiter war, dass sieben Jahre im Gesicht eines Menschen sichtbar sein konnten, ohne ihn älter aussehen zu lassen.

Nora hatte eine Hand am Türgriff.

Elias blieb einige Schritte entfernt stehen.

„Deine Tochter hat mir gestern damit das Leben gerettet.“

Sie sah den Inhalator.

Etwas in ihrem Gesicht verhärtete sich.

„Dann gib's ihr zurück.“

„Wie alt ist sie?“

Nora sah ihn jetzt direkt an.

„Sechs.“

„Nora ...“

„Nein.“

Er verstummte.

Sie nahm die Reisetasche.

„Ein Asthmaanfall macht dich nicht plötzlich zu ihrem Opa.“

Das Wort traf präziser als alles, was Maximilian gesagt hatte.

Opa.

Elias sah wieder auf den Inhalator.

„Sie weiß von mir?“

„Sie weiß, dass du mich weggeschickt hast.“

„So war das nicht.“

Nora lachte nicht.

Das wäre leichter gewesen.

„Doch.“

Sie öffnete die Tür.

Kühle Morgenluft drang herein.

„Warte.“

Nora blieb stehen.

„Warum“, fragte Elias, „hatte ich keine Ahnung, dass es sie gibt?“

Nora drehte sich langsam zurück.

Zum ersten Mal veränderte sich ihre Stimme.

Nicht lauter.

Müder.

„Weil du sieben Jahre lang alles zurückgeschickt hast, auf dem mein Name stand.“

Elias sagte nichts.

„Das erste Foto kam drei Wochen nach ihrer Geburt.“

Er spürte, wie sein Magen sich zusammenzog.

„Nein.“

„Doch.“

„Ich habe nie ein Foto bekommen.“

„Das habe ich auch nicht gesagt.“

Nora hob die Tasche an.

„Ich habe gesagt, ich habe eins geschickt.“

Sie ging.

Elias stand in der offenen Tür.

Er hörte Schritte hinter sich.

Maximilian.

„Papa.“

Elias drehte sich nicht um.

„Was wurde mit ihrer Post gemacht?“

Keine Antwort.

Elias sah ihn an.

Maximilian verzog das Gesicht.

„Du weißt doch, was damals war.“

„Was wurde damit gemacht?“

„Du hast Anweisung gegeben, persönliche Sendungen von Nora nicht anzunehmen.“

Elias erinnerte sich.

Nicht an einen einzelnen Brief.

An einen Nachmittag in seinem Büro sieben Jahre zuvor.

Nora hatte gerade zum dritten Mal angerufen.

Er hatte zu seiner damaligen Assistentin gesagt: Ich will nichts mehr von ihr auf diesem Tisch sehen.

Damals war es ein Satz gewesen.

Heute war es plötzlich ein System.

„Wo ist die zurückgeschickte Post dokumentiert?“

„Elias.“

Das war Greta.

Die Hausverwalterin stand am Fuß der Treppe.

Seit achtundzwanzig Jahren arbeitete sie in diesem Haus.

Und sie sah ihn an, als hätte sie lange auf diese Frage gewartet.

„Nicht alles wurde zurückgeschickt“, sagte sie.

Maximilian wurde still.

Elias wandte sich ihr zu.

Greta nickte Richtung Arbeitszimmer.

„Komm.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit folgte Elias Falkenberg jemandem, ohne zu wissen, wohin er geführt wurde.

GermanVeyra Editorial