DONNERSTAG

Versöhnung, stellte Elias in den folgenden Monaten fest, war hauptsächlich langweilig.
Das war eine Erkenntnis, mit der er nicht gerechnet hatte.
Sie bestand nicht aus großen Reden.
Sie bestand daraus, pünktlich zu sein.
Nicht beleidigt zu reagieren, wenn Nora einen Besuch absagte.
Nicht ungefragt Dinge zu kaufen.
Leni nicht nach drei Treffen zu erklären, dass sie jederzeit im Falkenberg-Haus schlafen könne.
Vor allem bestand sie daraus, wiederzukommen.
Am ersten Donnerstag holte Elias Leni gemeinsam mit Nora von der Musikschule ab.
Am zweiten saßen sie in einer Bäckerei, weil Leni unbedingt einen Kakao wollte.
Am dritten durfte Elias allein kommen.
Nora stand am Fenster, als er mit Leni zurückkam.
Er wusste, dass es ein Test gewesen war.
Sie sagte nichts dazu.
Er auch nicht.
Maximilian brauchte länger.
Zwei Monate nach der Gala lud Nora ihn zum Abendessen ein.
Er kam sieben Minuten zu spät und brachte Wein mit.
Leni öffnete ihm die Tür.
„Du bist der andere.“
Maximilian sah zu Nora.
„Das läuft ja großartig.“
Leni musterte ihn.
„Bist du auch mein Opa?“
„Gott sei Dank nicht.“
Nora lachte so plötzlich, dass sie sich am Türrahmen festhalten musste.
Elias stand in der Küche und hörte es.
Es war das erste Mal seit Jahren, dass seine beiden Kinder im selben Haus lachten.
Nicht wegen ihm.
Auch das war in Ordnung.
Beim Essen wurde es schwieriger.
Maximilian fragte Nora irgendwann, warum sie ihm nie direkt geschrieben hatte.
Nora legte die Gabel hin.
„Weil du mir damals gesagt hast, ich sollte Papa Zeit geben.“
Maximilian nickte langsam.
„Ja.“
„Sieben Jahre waren ziemlich viel Zeit.“
„Ja.“
Keiner verteidigte sich.
Es war vielleicht die wichtigste neue Gewohnheit der Familie.
Im Unternehmen übernahm Maximilian mehr Verantwortung, aber nicht unter dem Titel, den Elias ursprünglich vorgesehen hatte.
Diesmal verhandelten sie darüber.
Maximilian sagte Nein zu zwei Aufgaben.
Elias überlebte beides.
Nora wollte weiterhin nichts mit dem Unternehmen zu tun haben.
Auch das akzeptierte er.
Beim dritten Versuch sogar ohne Gegenargument.
Die Briefe gab Greta schließlich Nora zurück.
Nora nahm die Kiste mit nach Hause.
Eine Woche später brachte sie die Kinderzeichnung mit dem Wort OPA? zu Elias.
„Leni will sie nicht mehr.“
Elias betrachtete das Bild.
„Warum?“
„Weil sie inzwischen weiß, wie du aussiehst.“
„Kann ich es behalten?“
Nora zögerte.
Dann nickte sie.
Das Blatt lag nicht in seinem Büro.
Elias hängte es in die kleine Küche im hinteren Teil des Hauses.
Dort, wo keine Geschäftspartner hinkamen.
Fast sechs Monate nach der Gala saß Elias an einem Donnerstagabend auf der Tribüne einer kleinen Sporthalle.
Leni nahm an einem Schulfest teil.
Nora saß neben ihm.
Maximilian war mit seiner Frau zwei Reihen weiter hinten.
Greta hatte darauf bestanden, ebenfalls zu kommen.
Leni stand mit ihrer Klasse unten auf dem Hallenboden.
Kurz bevor die Musik begann, suchte sie die Tribüne ab.
Elias sah den Moment, in dem sie ihn fand.
Sie hob die Hand.
Nur einmal.
Er hob seine.
Neben ihm sagte Nora: „Sie hat heute Morgen gefragt, ob du kommst.“
Elias sah weiter nach unten.
„Was hast du gesagt?“
„Dass du donnerstags kommst.“
Etwas zog sich in seiner Brust zusammen.
Nicht medizinisch.
Elias wusste inzwischen wieder, wie sich der Unterschied anfühlte.
Die Musik begann.
Kinder liefen durcheinander, verpassten Einsätze, lachten.
Leni drehte sich einmal in die falsche Richtung und fand sofort wieder zurück.
Elias dachte an den Marmorboden.
An die geschlossene Tür.
An zweihundert Menschen, die nur wenige Meter entfernt gewesen waren.
Und an das einzige Kind im Haus, das erkannt hatte, was mit ihm geschah.
Nach der Aufführung rannte Leni zu ihnen.
„Habt ihr gesehen?“
„Alles“, sagte Nora.
Leni sah Elias an.
„Auch wo ich falsch war?“
„Besonders das.“
„Opa.“
„Ja?“
Sie zog ihre Jacke an.
„Nächsten Donnerstag ist kein Training.“
Elias wartete.
„Aber du kannst trotzdem kommen.“
Er lächelte.
„Gut.“
Leni griff nach Noras Hand.
Dann nach seiner.
Ganz selbstverständlich.
Keine Musik setzte ein.
Niemand applaudierte.
Es gab keine zweihundert Gäste.
Nur vier Erwachsene, ein Kind, eine zu warme Sporthalle und draußen ein Parkplatz voller nasser Autos.
Elias drückte Lenis Hand nicht fester.
Er hielt sie einfach.
Auf dem Weg nach draußen atmete er tief ein.
Die Luft kam.
Diesmal wusste er, dass das nicht dasselbe war wie Vergebung.
Aber es war ein Anfang.
Chapters · 6 of 6
Don't stop now.
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One ending should lead naturally into another beginning.

