VOR ZWEIHUNDERT MENSCHEN

Die Nachfolgesitzung fand eine Woche später statt.
Nicht im Ballsaal.
Im großen Konferenzraum der Falkenberg-Gruppe.
Trotzdem waren fast alle Menschen da, vor denen Elias ursprünglich hatte sprechen wollen.
Aufsichtsräte. Familienvertreter. Anwälte. Führungskräfte.
Und, weil sein Zusammenbruch längst nicht mehr geheim war, zwei Kommunikationsberater im Nebenraum.
Maximilian saß zu seiner Rechten.
Seit ihrem Streit hatten sie zweimal miteinander gesprochen.
Beide Gespräche waren unangenehm gewesen.
Das hielt Elias inzwischen für Fortschritt.
Nora war nicht da.
Sie hatte auch nicht darum gebeten.
Am Vorabend hatte sie lediglich eine Nachricht geschickt.
Leni möchte dich kennenlernen.
Sonntag. 15 Uhr. Bei uns.
Kein Fahrer bis vor die Tür.
Elias hatte zwölf Minuten gebraucht, bevor er antwortete.
Ich komme.
Mehr nicht.
Nun stand vor ihm die Rede, die seine Kommunikationsabteilung geschrieben hatte.
Nach einem bedauerlichen gesundheitlichen Zwischenfall ...
Kontinuität ...
Familienunternehmen ...
Verantwortung ...
Vertrauen ...
Elias las die erste Zeile.
Dann legte er das Blatt weg.
Maximilian bewegte sich neben ihm.
„Was machst du?“
„Etwas, das ich früher hätte tun sollen.“
„Das klingt gefährlich.“
Elias sah seinen Sohn an.
„Wahrscheinlich.“
Er stand auf.
Die Gespräche im Raum verstummten.
„Bevor wir über Nachfolge sprechen, muss ich etwas korrigieren.“
Er bemerkte sofort, wie sich die Haltung der Kommunikationsberaterin an der Wand veränderte.
Elias machte weiter.
„In den vergangenen Tagen gab es Spekulationen darüber, warum wir diese Entscheidung verschoben haben.“
Niemand unterbrach ihn.
„Einige davon betreffen meine Tochter Nora, mit der ich seit mehreren Jahren keinen Kontakt hatte.“
Maximilian sah ihn jetzt direkt an.
„Nora hat keine Position in diesem Unternehmen verlangt. Sie hat kein Geld verlangt. Sie hat keine Beteiligung verlangt. Sie hat mich auch nicht darum gebeten, irgendetwas zu verschieben.“
Elias legte eine Hand auf den Tisch.
„Die Entscheidung stammt von mir.“
Ein Aufsichtsratsmitglied räusperte sich.
Elias sah nicht hin.
„Ich hatte letzte Woche einen schweren Asthmaanfall. Das zwingt mich dazu, meine eigene Belastbarkeit neu zu beurteilen.“
Er hielt kurz inne.
„Es zwingt mich außerdem dazu, etwas anderes zu beurteilen, das ich deutlich länger ignoriert habe.“
Maximilian wusste jetzt, wohin es ging.
Sein Gesicht blieb unbewegt.
„Vor sieben Jahren habe ich meine Tochter aus meinem Leben gedrängt, weil sie eine Entscheidung getroffen hat, die mir nicht gefiel.“
Niemand schrieb mehr.
Alle hörten zu.
„Danach habe ich dafür gesorgt, dass ihre Briefe ungeöffnet zurückgingen. Irgendwann habe ich mir selbst erzählt, sie hätte sich nicht mehr gemeldet.“
Er sah zu Maximilian.
„Das war bequem.“
Maximilian senkte den Blick.
„Und falsch.“
Elias atmete ein.
Die Luft kam leicht.
Allein diese Tatsache fühlte sich plötzlich wie ein Privileg an.
„Mein Sohn Maximilian hat viele Jahre Verantwortung in diesem Unternehmen getragen. Er wird weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Aber wir werden keine endgültige Nachfolgeregelung treffen, solange ich Entscheidungen über Menschen mit Entscheidungen über Besitz verwechsle.“
Einer der Anwälte beugte sich zu seinem Nachbarn.
Elias ignorierte ihn.
„Das Unternehmen braucht keine Familieninszenierung. Meine Familie übrigens auch nicht.“
Später würde die Kommunikationsabteilung Stunden damit verbringen, diesen Satz in etwas Verwertbares zu verwandeln.
Elias setzte sich.
Maximilian sagte nichts.
Erst als der Raum sich leerte, blieb sein Sohn neben ihm stehen.
„Du hättest meinen Namen aus dem letzten Teil raushalten können.“
„Ja.“
„Warum hast du es nicht getan?“
Elias überlegte.
„Weil ich dich jahrelang wie eine Fortsetzung von mir behandelt habe.“
Maximilian sah ihn an.
„Das ist keine Entschuldigung.“
„Nein.“
„Gut.“
Elias nickte.
Maximilian nahm seine Unterlagen.
An der Tür hielt er an.
„Sonntag?“
Elias war überrascht.
„Woher weißt du das?“
„Nora hat mir geschrieben.“
„Dir?“
„Offenbar versucht sie gerade etwas Neues.“
„Kommst du auch?“
Maximilian schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Elias spürte Enttäuschung, sagte aber nichts.
Maximilian bemerkte es.
„Sie will zuerst dich sehen.“
Dann kam etwas, das beinahe ein Lächeln war.
„Versau's nicht.“
Am Sonntag stand Elias fünf Minuten zu früh vor Noras Reihenhaus.
Ohne Fahrer.
Er war selbst gefahren.
Das hatte er seit Jahren nicht mehr getan.
In der linken Hand hielt er nichts.
Kein Geschenk.
Kein Umschlag.
Kein Vertrag.
Greta hatte ihm ausdrücklich gesagt, dass ein riesiger Plüschbär eine schlechte Idee sei.
Also hatte er nur seinen eigenen neuen Inhalator in der Jackentasche.
Nora öffnete.
„Du bist zu früh.“
Elias sah auf seine Uhr.
„Vier Minuten.“
„Fünf.“
„Entschuldigung.“
Sie musterte ihn.
„Komm rein.“
Leni saß am Küchentisch und malte.
Kein Sternenschlafanzug.
Jeans.
Gelber Pullover.
Der Stoffhase lag neben ihrem Stuhl.
Elias blieb zwei Meter entfernt stehen.
Leni sah auf.
Sie erkannte ihn sofort.
„Du bist der Mann vom Boden.“
Elias musste lachen.
Leise.
„Ja.“
Sie zeigte auf seine Brust.
„Geht's wieder?“
„Ja.“
„Hast du jetzt ein eigenes Spray?“
„Ja.“
Er zog es nicht heraus.
„Sehr gut“, sagte Leni.
Nora drehte sich zur Küchenzeile, aber Elias sah ihr an den Schultern an, dass sie lächelte.
Leni malte weiter.
Nach einer Weile fragte sie:
„Bist du wirklich mein Opa?“
Elias setzte sich nicht, bevor Nora ihm mit dem Kopf einen Stuhl zeigte.
Dann nahm er Platz.
„Ja.“
Leni dachte darüber nach.
„Warum warst du nie da?“
Nora erstarrte.
Elias hatte gewusst, dass diese Frage irgendwann kommen würde.
Er hatte nur gehofft, irgendwann bedeute später.
Er sah Leni an.
„Weil ich sehr lange sehr stur war.“
„Was heißt stur?“
„Dass man weiß, dass man etwas ändern sollte, aber es trotzdem nicht macht.“
Leni betrachtete ihn.
„Das ist dumm.“
Elias nickte.
„Ja.“
Nora stellte drei Gläser Wasser auf den Tisch.
Keiner rettete ihn.
Das war in Ordnung.
Leni schob ihm schließlich ein Blatt Papier hin.
„Kannst du Pferde?“
„Malen?“
Sie nickte.
Elias betrachtete das Blatt.
„Nein.“
Leni reichte ihm einen grünen Stift.
„Dann lernst du's.“
Und weil Elias nichts Besseres einfiel, nahm er den Stift.