Veyra originalWENN DIE LUFT ZURÜCKKOMMT
Chapter 3 of 6

DIE BRIEFE

WENN DIE LUFT ZURÜCKKOMMT — Chapter 3 - DIE BRIEFE

Greta öffnete keinen Tresor.

Keine geheime Schublade.

Keine dramatische Kassette.

Sie zog im kleinen Verwaltungsbüro neben der Küche einen gewöhnlichen grauen Archivkarton aus einem Schrank.

Auf der Seite stand mit schwarzem Marker:

N. FALKENBERG.

Elias blieb stehen.

„Was ist das?“

Greta stellte die Kiste auf den Tisch.

„Die Dinge, die ich irgendwann nicht mehr zurückschicken konnte.“

„Du hast meine Anweisung ignoriert?“

Sie sah ihn an.

„Ja.“

Es war die Antwort eines Menschen, der sich nicht mehr vor einer Kündigung fürchtete.

Elias öffnete den Karton.

Oben lag ein Umschlag.

Sein Name.

Noras Handschrift.

Darunter ein zweiter.

Dann ein kleiner gepolsterter Umschlag.

Geburtstagskarten.

Fotoumschläge.

Ein gefaltetes Blatt Kinderpapier, auf dem mit Wachsmalstift drei Menschen gezeichnet waren. Eine große Frau, ein kleines Mädchen und weit abseits eine dritte Figur.

Über der dritten Figur stand:

OPA?

Elias setzte sich.

Greta blieb stehen.

„Wie viel davon hast du gelesen?“

„Nichts.“

„Woher weißt du dann—“

„Weil Nora manchmal angerufen hat, bevor sie etwas geschickt hat.“

Elias berührte die Zeichnung nicht.

„Warum hast du mir das nie gesagt?“

Greta zog einen Stuhl heran, setzte sich aber nicht.

„Ich habe es dir gesagt.“

Er hob den Blick.

„Mehr als einmal.“

Stille.

Dann erinnerte er sich.

Nicht an Worte.

An Unterbrechungen.

Greta, die in seinem Arbeitszimmer gestanden hatte.

„Es ist wieder etwas von Nora gekommen.“

Und Elias, ohne aufzusehen:

„Dann wissen Sie, was damit passiert.“

Ein anderes Mal beim Frühstück:

„Ihre Tochter hat angerufen.“

„Ich habe keine Tochter, die mit mir sprechen will.“

Greta hatte daraufhin etwas sagen wollen.

Er war aufgestanden.

Jetzt lag zwischen ihnen ein Karton mit sieben Jahren.

Elias öffnete den ältesten Umschlag.

Greta sagte: „Wenn du die lesen willst, dann tu nicht so, als hätte jemand sie vor dir versteckt.“

Seine Finger blieben stehen.

Sie ging.

Der erste Brief war kurz.

Papa,

ich weiß nicht, ob du ihn lesen wirst. Ich schicke ihn trotzdem.

Sie heißt Leni.

Sie ist gesund. Sie schreit erstaunlich laut. Tomas behauptet, sie habe meine Nase. Ich finde, sie sieht im Moment hauptsächlich aus wie ein sehr wütender alter Mann.

Ich erwarte nichts von dir.

Aber ich möchte nicht, dass du eines Tages sagen kannst, du hättest nicht gewusst, dass sie existiert.

Nora

Elias las den letzten Satz dreimal.

Dann öffnete er den nächsten Umschlag.

Ein Foto.

Nora in einem Krankenhausbett, blass, erschöpft, lächelnd.

In ihren Armen ein winziges Baby.

Auf der Rückseite stand:

Leni, 11. März.

Der dritte Brief war ein Jahr später geschrieben.

Leni hatte Asthma.

Noch nicht schwer, schrieb Nora.

Sie hätten jetzt ein Spray für Notfälle.

Elias musste das Blatt ablegen.

Der Inhalator lag noch immer in seiner Hosentasche.

Er las weiter.

Nicht alles.

Er konnte nicht.

Zwischen den Briefen veränderte sich Noras Ton.

Am Anfang erklärte sie.

Später berichtete sie.

Dann schrieb sie nur noch an Geburtstagen.

Zum vierten Geburtstag kam eine Zeichnung.

Zum fünften eine Karte mit einem Foto von Leni auf einem Fahrrad.

Zum sechsten Geburtstag nichts.

Elias sah das Datum.

Vor vier Monaten.

„Wann hat sie aufgehört?“

Greta stand wieder in der Tür.

„Nach dem Bild mit dem Fragezeichen.“

Elias schaute auf die Kinderzeichnung.

„Warum?“

„Das musst du sie fragen.“

„Sie redet nicht mit mir.“

„Das hat sie sehr lange versucht.“

Elias legte beide Hände auf den Tisch.

„Ich war wütend.“

Greta sagte nichts.

„Sie hat damals alles hingeworfen.“

„Nein.“

Elias hob den Kopf.

„Sie hat sich geweigert, Tomas nicht zu heiraten.“

„Ich habe ihr gesagt, wenn sie ihn heiratet, braucht sie nicht zurückzukommen.“

„Ja.“

„Sie hätte wissen müssen, dass ich das nicht wörtlich—“

Greta stieß hörbar Luft durch die Nase aus.

Elias brach ab.

Da war er.

Der Satz, den er seit sieben Jahren in unterschiedlichen Formen benutzt hatte.

Sie hätte wissen müssen.

Nora hätte wissen müssen, dass er irgendwann nachgeben würde.

Sie hätte wissen müssen, dass er ihre Hochzeit nicht wirklich für immer gegen sie verwenden wollte.

Sie hätte wissen müssen, dass er wütend war.

Sie hätte wissen müssen, dass er stolz war.

Sie hätte wissen müssen, dass man Elias Falkenberg nicht beim Wort nehmen durfte, wenn seine Worte grausam waren.

„Ich dachte, sie würde zurückkommen“, sagte er.

Greta antwortete ruhig.

„Und Nora dachte irgendwann, du würdest ihr wenigstens einen Brief öffnen.“

Am Nachmittag ließ Elias seinen Fahrer zu Noras Adresse fahren.

Er nahm den Karton mit.

Greta hielt ihn an der Haustür auf.

„Was hast du vor?“

„Mit ihr reden.“

„Und die Kiste?“

„Sie soll wissen, dass ich—“

„Dass du sie jetzt gelesen hast?“

Elias schwieg.

Greta sah zum Wagen.

„Nimm nicht sieben Jahre Papier mit und erwarte, dass sie dir dafür dankbar ist.“

„Was soll ich denn tun?“

Greta blickte ihn lange an.

„Zum ersten Mal vielleicht nichts lösen.“

Elias fuhr trotzdem.

Aber den Karton ließ er zurück.

GermanVeyra Editorial